Tragödie auf der Fangstraße: Wenn Infrastruktur versagt

Veröffentlicht von Walter Hupfeld am

Ein dunklem Januarmorgen in Hamm-Herringen. Ein 66-jähriger Zeitungszusteller ist auf seinem Rad unterwegs, um seine Arbeit zu tun. Er kehrt nie zurück. Der tödliche Unfall auf der Fangstraße im Januar 2026 hat eine Welle der Bestürzung ausgelöst – und eine Debatte entfacht, die zeigt, wie weit Theorie und Praxis im Straßenverkehr auseinanderliegen.

Die Fangstraße: Eine Verkehrsader mit systemischen Fehlern

Die Fangstraße (L881) ist die zentrale Verbindung zwischen den Ortsteilen Pelkum und Herringen. Auf einer Länge von etwa zwei Kilometern, zwischen den Ortsschildern sind es etwa 700 m) bewältigt sie massiven Pendlerverkehr (ca. 7000 Fahrzeuge pro Tag aber mit einer Prognose von +1300 Fahrzeugen aufgrund des CreativReviers Heinrich-Robert). Doch für Radfahrer ist sie ein gefährliches Pflaster:

Fangstraße Herringen
Fangstraße Herringen
  • Trügerische Schutzstreifen im Ortsbereich Pelkum: Bei der Sanierung im Ortsteil Pelkum wurden zwar Schutzstreifen markiert, doch diese bieten keinen echten Schutz, sie werden häufig überfahren und Überholabstände werden nicht eingehalten. Vor der Kreuzung zu Kamener Straße hören sie einfach auf.
  • Das Park-Problem: In der Praxis werden die Seitenstreifen regelmäßig als Parkfläche zweckentfremdet. Radfahrer müssen daher immer wieder unvermittelt in den fließenden Verkehr (Tempo 70) ausweichen.
  • Mangelhafter Winterdienst: Ein entscheidender Faktor am Unfalltag war der Zustand dieser Streifen. Während die Fahrbahn für Autos geräumt war, lagen auf den Seitenstreifen Eis und Schneereste.

Der 8. Januar 2026: Chronik eines Unglücks

Es war Donnerstag, 5:55 Uhr morgens. Die Dunkelheit und die winterliche Glätte machten die Fahrt für den 66-jährigen Radfahrer bereits schwierig genug. Da die Seitenstreifen ungeräumt und durch parkende Autos blockiert waren, blieb ihm keine Wahl: Er musste auf der Fahrbahn fahren.

@ Polizei Hamm

Dort passierte das Unfassbare: Ein 27-jähriger Skoda-Fahrer erfasste den Mann von hinten. Die Wucht des Aufpralls war tödlich. Besonders erschütternd: Der Unfallverursacher beging zunächst Fahrerflucht, wurde aber später gestellt. Ein Atemalkoholtest verlief positiv. Doch für die Hinterbliebenen und den ADFC bleibt die Frage: Hätte eine geräumte Spur oder Tempo 50 das Leben des Mannes gerettet?

Mahnwache und die Odyssee des Geisterrads

Am 24. Januar rief der ADFC zur Mahnwache auf. Rund 50 Menschen trotzten der Kälte, um ein Geisterrad als Mahnmal aufzustellen.

Was folgte, war eine respektlose Serie von Diebstählen:

  1. 09. Februar: Das Rad verschwindet zum ersten Mal; die Polizei findet es und stellt es wieder auf.
  2. 13. Februar: Das Mahnmal wird zum zweiten Mal gestohlen.
  3. 06. März: Ein zweites Geisterrad wird aufgestellt, nachdem die Stadt Hamm mühsam eine halbjährige Genehmigung von Straßen.NRW erwirkt hatte.
  4. 09. März: Dritter Diebstahl. Das Rad wird erneut gefunden und vom ADFC neu aufgestellt.

Die Reaktion der Politik: Ein Kampf gegen Behörden-Starrsinn

Die lokale Politik reagierte mit seltener Einigkeit. CDU und SPD stellten Anträge auf eine sofortige Reduzierung der Geschwindigkeit auf Tempo 50 sowie den Bau eines baulich getrennten Radwegs.

In der Bezirksversammlung am 5. März 2026 folgte jedoch die Ernüchterung: Straßen.NRW lehnt Tempo 50 ab. Die Begründung der Landesbehörde: Der Unfall sei auf den Alkoholeinfluss des Fahrers zurückzuführen, nicht auf die Straßenführung.

„Es macht uns fassungslos, dass der menschliche Faktor gegen starre Richtlinien ausgespielt wird“, so der Tenor des ADFC, der sich daraufhin in einem offenen Brief an Verkehrsminister Oliver Krischer wandte. Die Forderung: Sicherheit muss vor dem „zügigen Verkehrsfluss“ stehen.

Fazit

Der Tod auf der Fangstraße ist ein Weckruf. Es reicht nicht, Linien auf den Asphalt zu malen, die dann zugeparkt oder im Winter nicht geräumt werden. Solange Radfahrer auf die Fahrbahn von betrunkenen oder rasenden Autofahrern gezwungen werden, bleibt die „Vision Zero“ ein leeres Versprechen. Das Geisterrad an der L881 ist ein stummer Zeuge für diesen notwendigen Kampf um echte Sicherheit.

Linksammlung

Westfälsicher Anzeiger online

Lippewelle Hamm

ADFC Hamm


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