550.000 Euro für eine Fahrradstraße: Die Jagd auf Fördermittel

Veröffentlicht von Walter Hupfeld am

Der Ausbau der Radhauptroute nach Rhynern ist in vollem Gang. In Berge steht das nächste Großprojekt vor der Tür: Die Alte Werler Straße – der Streckenabschnitt zwischen der RLG-Trasse und dem Wendehammer – soll grundlegend umgebaut und als offizielle Fahrradstraße ausgewiesen werden.

Doch beim Blick auf die Pläne, die Kosten, die gewerbliche Entwicklung vor Ort und die offizielle Begründung der Verwaltung stellt sich eine berechtigte Frage: Ist diese Maßnahme in diesem Umfang verkehrspolitisch zwingend sinnvoll – oder nutzt die Stadt hier vor allem eine günstige Gelegenheit, um Fördermittel abzugreifen?

Die geplante Baumaßnahme: Was auf der Alten Werler Straße passieren soll

Der aktuell etwa elf Meter breite Straßenraum der Alten Werler Straße soll komplett neu aufgeteilt werden. Grund dafür ist ihre Funktion als Verbindungsglied der Radhauptroute nach Rhynern mit Direktanschluss an die Route nach Westtünnen.

Die Detailplanungen sehen folgende Veränderungen vor:

  • Fahrgasse & Parkräume: Es entsteht eine 5,40 bis 5,60 Meter breite Fahrgasse für den Mischverkehr. Dazu werden 30 geordnete Pkw-Parkstände markiert, die durch einen 75 cm breiten Sicherheitstrennstreifen von der Fahrbahn abgegrenzt werden, um sogenannte „Dooring-Unfälle“ durch unbedacht geöffnete Autotüren zu verhindern.
  • Radverkehrsführung & Knotenpunkt: Die zuführenden Radwege südlich der RLG-Trasse werden als Zweirichtungsradwege ausgebaut. Eine neue Querungshilfe soll das Auf- und Abfahren auf die Fahrbahn erleichtern. Auch die Zufahrten zum bestehenden Einzelhandel sowie zu zwei geplanten Groß-Discountern wurden in der Führung berücksichtigt.
     
  • Markierung: Auf eine teure Vollrot-Einfärbung der Asphaltdecke wird aus Kosten- und Unterhaltungsgründen verzichtet. Stattdessen setzt man auf rote Farbbänder an den Netzknotenpunkten, weiße Blockmarkierungen und Piktogrammketten.
  • Straßenbegleitgrün: Im Zuge der Arbeiten wird die Asphaltdeckschicht komplett erneuert. Zudem werden zehn klimaresiliente Bäume (Blumeneschen und Amberbäume) gepflanzt, wofür unter anderem eine ca. 40 m² große Fläche entsiegelt wird. 
Screenshot

Die finanziellen Eckdaten: Wer zahlt die 550.000 Euro?

Das gesamte Projekt ist laut Beschlussvorlage mit Gesamtkosten von 550.000 Euro brutto veranschlagt. Diese teilen sich wie folgt auf:

  • Straßen- und Tiefbau: 460.000 €
  • Straßenbegleitgrün: 55.000 €
  • Markierung und Beschilderung: 29.000 €
  • Beleuchtungsanpassung: 6.000 €

Für die Anlieger gibt es Entwarnung: Die Maßnahme löst keine Anliegerbeiträge aus. Auch die Stadt Hamm selbst kommt verhältnismäßig günstig davon. Der städtische Eigenanteil liegt bei gerade einmal 70.000 Euro. Der Löwenanteil von 480.000 Euro – das entspricht einer beeindruckenden Förderquote von gut 87 Prozent – soll aus Fördermitteln des Landes bzw. Bundes fließen.

Die Kernproblematik: Eine „unechte“ Fahrradstraße im Gewerbe-Hotspot

Ein zentraler Schwachpunkt des Konzepts erschließt sich erst beim Blick auf die tatsächliche Nutzung der Straße: Es handelt sich rechtlich um eine „unechte“ Fahrradstraße – das bedeutet, dass der Kraftfahrzeugverkehr durch Zusatzbeschilderung („Anlieger frei bzw. KFZ frei“) weiterhin zugelassen ist. Genau hier gerät die Planung in ein massives Spannungsverhältnis mit der gewerblichen Realität vor Ort.

Massive Auto-Frequenz durch Discounter und Einzelhandel

Wer glaubt, es handle sich um eine reine Wohnstraße, täuscht sich gewaltig. Der Straßenabschnitt beherbergt bereits heute publikumsintensive Ziele wie einen Action-Markt, der erheblichen Autoverkehr anzieht. Doch es kommt noch dicker: Wie Zeitungsberichte zeitgleich enthüllten, planen die Discounter Aldi und Lidl genau in diesem Abschnitt ein gemeinsames Großprojekt mit jeweils rund 1.200 m² Verkaufsfläche.

Der Zielkonflikt der Mischverkehrsfläche

Eine Fahrradstraße soll dem Radverkehr Vorrang einräumen und ein entspanntes, sicheres Nebeneinander- und Hintereinanderfahren ermöglichen. Wenn aber Lieferverkehr, Kunden-Verkehr für Action sowie der Zu- und Abfluss zweier neuer Groß-Discounter über dieselbe, 5,40 bis 5,60 Meter breite Fahrgasse abgewickelt werden, entsteht ein absehbarer Konfliktraum:

  • Sicherheitsrisiko bei Abbiegevorgängen: Trotz Schildern wie „Achtung Radverkehr“ kreuzen täglich Hunderte Pkw und Lieferfahrzeuge den Radweg.
  • Pseudolösung Schild: Das Schild „Fahrradstraße“ signalisiert zwar Vorrang, schützt Radfahrende in der Praxis aber kaum vor dem konkreten Druck durch drängelnden Kundenverkehr, der auf Parkplatzsuche ist oder eilig den Supermarkt ansteuert.

Verkehrswende oder Fördermittel-Mitnahme?

Ist die Umgestaltung der Alten Werler Straße in diesem Umfang verkehrstechnisch tatsächlich prioritär – oder geht es primär darum, ein Förderprogramm maximal auszuschöpfen?

Wo eine Baustelle tatsächlich notwendig war

Zur Wahrheit gehört: Ein konkretes Nadelöhr existiert an dieser Stelle zweifellos. Der Übergang vom gerade erst sanierten und nun deutlich verbreiterten Radweg entlang der RLG-Trasse, der auf die Werler Straße mündet, ist im jetzigen Zustand für Radfahrende schlichtweg eine Zumutung. Dieser Knotenpunkt musste dringend überplant werden. Dass auf der Werler Straße etwas passieren musste, steht außer Frage – im neuen Ausbauplan ist diese kritische Schnittstelle nun auch richtigerweise berücksichtigt.

Ob die Radverkehrsführung Richtung Norden über eine Überquerungshilfe aber wie gewünscht funktioniert, kann bezweifelt werden. Vermutlich biegen die meisten Radfahrenden schon vor der Überquerungshilfe auf den Radweg entlang der RLG-Trasse.

Ein ruhiger Abschnitt mit luxuriösem Gesamtpaket

Ob jedoch das gesamte 550.000-Euro-Paket für den Rest der Straße dadurch gerechtfertigt ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Stadt räumt in ihren eigenen Unterlagen ein: Seit über 20 Jahren gibt es auf der Alten Werler Straße keine Unfallhäufungsstellen. Zudem gilt hier bereits Tempo 30, was weitgehend eingehalten wird.

Dass nun auf Kosten des Landes die Asphaltdecke komplett erneuert, Parkplätze neu geordnet, Beleuchtung angepasst und zehn Bäume gepflanzt werden, erfreut das Stadtbild. Für die Stadtverwaltung entsteht eine klassische Win-win-Situation: Eine grundlegende Straßensanierung lässt sich zu 87 % fremdfinanzieren, weil die Strecke formal als „Radhauptroute“ deklariert ist.

Das Dilemma der Förder-Strategie

Eine klamme Kommune wie Hamm ist zwingend auf Fördermittel angewiesen – und die Hammer Verwaltung hat sich zweifellos darin perfektioniert, diese Gelder auch erfolgreich abzugreifen. Doch genau hier liegt die verkehrspolitische Krux:

Auf den städtischen Hauptrouten gibt es etliche Streckenabschnitte, die eine Sanierung und einen Sicherheitsausbau um ein Vielfaches dringender nötig hätten als die Alte Werler Straße. Dort ist es jedoch oft baulich komplexer, rechtlich schwieriger oder schlicht sperriger, an die passenden Fördertöpfe zu gelangen.

Fazit

Wenn eine Stadt ihr Radwegenetz primär dort ausbaut, wo die Fördermittel am leichtesten und schnellsten fließen – und nicht dort, wo die Gefahrenstellen am größten sind –, führt das zwangsläufig zu Schieflagen.

Besonders paradox wirkt die Maßnahme an der Alten Werler Straße durch die Ausweisung als „unechte“ Fahrradstraße: Während mit 550.000 Euro Steuergeld formal der Radverkehr gestärkt werden soll, schaffen Neuansiedlungen wie Aldi, Lidl und der bestehende Action-Markt im selben Atemzug eine erhebliche Autoverkehrsverdichtung. Für schmale 70.000 Euro Eigenanteil beseitigt Hamm zwar das Problem am RLG-Knotenpunkt und bekommt eine sanierten Straßenraum. Ob eine mit Pkw-Kundenverkehr überlastete „unechte“ Fahrradstraße aber der richtige Weg zu einem wirklich komfortablen und sicheren Radwegenetz ist, darf stark bezweifelt werden.

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