Banningstraße: Warum die Unfallstatistik versagt

Ende August erschütterte ein schwerer Radunfall die Stadt Hamm: Eine 58-jährige Urlaubergruppe aus Frankreich war im Hammer Westen unterwegs, als die Frau auf der Banningstraße plötzlich die Kontrolle über ihr Rad verlor. Sie geriet in die im spitzen Winkel über die Fahrbahn verlaufenden Gleise der längst stillgelegten Werksbahn. Die Folge: Sturz ohne Helm, schwerste Kopfverletzungen, Tagelang Schweben in Lebensgefahr.
Erst Ende September gaben die Ärzte Entwarnung – die Frau hat überlebt. Doch die Debatte, die dieser Sturz auslöste, zeigt exemplarisch, wo die deutsche Verkehrsplanung gegenüber dem Rad- und Mikromobilitätsverkehr nach wie vor extrem versagt.
Der Fall Banningstraße: Vier Jahrzehnte Provisorien
Die Schienen auf der Banningstraße gehörten einst zur Maschinenfabrik J. Banning AG. Sie werden seit vor 1989 nicht mehr befahren und sind seit fast zehn Jahren im Besitz der Stadt Hamm. Seit 1986 – also seit vierzig Jahren – wird in der Lokalpolitik immer wieder über Unfälle an genau dieser Stelle diskutiert.
Das Gefahrenmuster ist klassisch:
- Die Gleise queren die Straße in einem extrem spitzen Winkel.
- Bei Nässe verwandelt sich der Schienenkopf in eine spiegelglatte Rutschbahn.
- Wer im sicheren rechten Winkel drüberfahren will, muss zur Straßenmitte ausholen – mitten in den oft zu schnell vorbeiziehenden Autoverkehr.
- Platz zum Ausweichen oder Schieben fehlt völlig.
Die Reaktion der Verwaltung nach dem schweren August-Unfall überrascht daher kaum, lässt aber dennoch tief blicken. Nach einer Ortsbesichtigung erklärte das Rathaus die Stelle prompt für „verkehrssicher“. Die Argumentation: Die Rillen seien ausreichend verfüllt, Warnschilder stünden bereit, und in den vergangenen drei Jahren habe die Polizeistatistik keinen einzigen gleichartigen Unfall verzeichnet. Der Sturz der 58-Jährigen? Ein „tragischer Einzelfall“.
Als die SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung Mitte daraufhin den endgültigen Rückbau der ungenutzten Schienen verlangte, legte die Verwaltung kurz vor der Entscheidung die Kostenbremse an: Ein kompletter Ausbau koste mindestens 100.000 Euro, sei vor Ende 2027 nicht machbar und müsse aus dem Budget der Bezirksvertretung bezahlt werden. Als Alternative schlug man eine dünne Kaltasphaltschicht (DSK) für 22.000 Euro vor.
Einstimmig wählte die Politik zähneknirschend die Billiglösung. Oder wie es BSW-Politiker Roland Koslowski treffend formulierte: „Wir ersetzen ein Provisorium durch ein Provisorium.“
Wie trügerisch diese bürokratische Beruhigungstaktik ist, zeigte sich nur wenige Stunden später: Am 1. Oktober stürzte an exakt derselben Stelle eine 17-jährige E-Scooter-Fahrerin auf regennasser Fahrbahn. Sie landete im Krankenhaus.
Die Problematik der Verwaltungslogik: Täter-Opfer-Umkehr und Abwälzung
Das Verhalten der Stadtverwaltung im Fall Banningstraße offenbart zwei fundamentale Denkfehler, die für viele Kommunen typisch sind:
- Verantwortungsverlagerung auf die Schwächsten: Der Hinweis der Verwaltung, dass Warnschilder stehen und Radfahrende ohnehin „erhöhte Aufmerksamkeit“ walten lassen müssten, ist eine schlichte Täter-Opfer-Umkehr. Eine Infrastruktur, die bei leichtem Regen bauphysikalisch zur Sturzfalle wird, ist nicht sicher – ganz egal, wie viele Schilderbäume man daneben pflanzt.
- Symptombekämpfung statt Ursachenbehebung: Anstatt die Schienen als eigentliches Grundübel endlich zu beseitigen, flieht die Verwaltung seit 1986 in die Verfüllung von Rillen und das Aufstellen von Warnschildern. Kurzfristiges Flicken ersetzt hier seit vier Jahrzehnten eine nachhaltige Infrastrukturpolitik.
Das Riesenthema „Alleinunfälle“ und das Märchen vom Einzelfall
Dass die Stadt Hamm die Banningstraße jahrelang als unauffällig einstufte, liegt an einem strukturellen Blindfleck des gesamten deutschen Verkehrssicherheitswesens: der Fixierung auf die polizeiliche Unfallstatistik.
Studien der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zeichnen ein deutliches Bild:
- Hohe Relevanz: Alleinunfälle – also Stürze ohne Beteiligung anderer Verkehrsteilnehmer – machen mittlerweile rund 30 Prozent aller Radunfälle mit Personenschaden und fast die Hälfte aller Schwerverletzten im Radverkehr aus.
- Gefahrenquelle Infrastruktur: Zu den Hauptursachen gehören neben Fahrfehlern vor allem nasse, rutschige Oberflächen, Bordsteinkanten und eben Straßenbahnschienen.
Das Kernproblem ist jedoch die Dunkelziffer. Die UDV geht davon aus, dass bis zu 96 Prozent aller Unfälle im Fuß- und Radverkehr polizeilich überhaupt nicht erfasst werden.
Warum das so ist, liegt auf der Hand: Wer auf einer Schiene wegrutscht, sich das Knie aufschlägt oder die Hose zerreißt, ruft nicht die Polizei. Solange kein Krankenwagen nötig ist oder kein fremder Sachschaden entsteht, rappeln sich Betroffene auf und fahren weiter. Lehrende an den angrenzenden Schulen auf der Banningstraße berichten seit Jahren, dass Schüler dort regelmäßig stürzen. In der Polizeiakte tauchte davon: kein einziger Fall auf.
Wenn die Dunkelziffer zur amtlichen Blindheit führt
Hier schließt sich der verhängnisvolle Kreis, der Radfahrenden in Städten täglich zum Verhängnis wird:
Unfall passiert → Kein Polizeieinsatz → Kein Eintrag in der Unfallstatistik
↓
Verwaltung sieht "keinen Handlungsbedarf" ("Statistisch sicher!")
↓
Gefahrenstelle bleibt bestehen → Nächster (schwerer) Unfall
Die Verwaltung verwechselt „nicht polizeilich gemeldet“ systematisch mit „nicht gefährlich“. Indem Kommunen rein reaktiv handeln und Reparaturen erst dann vornehmen, wenn sich die Unfälle in der Polizeistatistik häufen, verurteilen sie Radfahrende dazu, sich ständig einem Risiko fehlerhafte Infrastruktur auszusetzen.
Fazit
Infrastruktur muss nach dem Prinzip Safe by Design gebaut sein: Sie muss Fahrfehler verzeihen und Gefahrenquellen konsequent beseitigen. Ein Stück Kaltasphalt über rostenden Schienen mag ein schnelles Pflaster sein, löst aber nicht das zugrundeliegende Problem. Solange Stadtverwaltungen ihre Augen vor der gewaltigen Dunkelziffer bei Alleinunfällen verschließen und Warnschilder für eine ausreichende Schutzmaßnahme halten, bleibt die Straße für Schwächere ein einkalkuliertes Risiko.
Weitere Quellen
- https://www.wa.de/hamm/radfahrerin-stuerzt-an-bahnschienen-stadt-sieht-keinen-handlungsbedarf-94483216.html
- https://www.wa.de/hamm/nach-lebensgefaehrlichem-sturz-bahnt-sich-streit-wegen-bahngleisen-an-94508671.html
- https://www.wa.de/hamm/statt-gleisrueckbau-seit-jahrzehnten-stuerzen-radfahrer-banningstrasse-bekommt-asphalt-94518923.html
- https://www.wa.de/hamm/hamm-mitte-ort370531/scooterfahrerin-stuerzt-auf-schienen-rettungswagen-bringt-jugendliche-ins-krankenhaus-94521603.html
- https://www.lippewelle.de/artikel/hamm-sieht-keinen-handlungsbedarf-nach-schwerem-radunfall-2744244
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