Radhauptroute im Schneckentempo: Das verkehrsplanerische Desaster am Westentor
Die Idee: Zügig durch die Stadt auf der Fahrradpromenade
Die Fahrradpromenade ist das Herzstück des in den letzten Jahren überplanten Radhauptroutennetzes in Hamm. Als Ring um die Innenstadt – geführt über Westring, Südring, Ostring, Nordring und Hafenstraße – soll sie als zentraler Verteiler in die einzelnen Stadtbezirke fungieren. Soweit die Theorie. (Mehr zur Fahrradpromenade findet ihr in diesem Blogbeitrag.)
Eigentlich soll eine offiziell deklarierte Radhauptroute ein schnelles und flüssiges Vorankommen garantieren. In der Realität hat sich die Situation für Radfahrende zuletzt jedoch spürbar verschlechtert. Schon am Knotenpunkt Südring / Goethestraße bremst seit der Sanierung der Goethestraße eine neue Ampel den Rad- und Fußverkehr mit satten 80 Sekunden Rot aus. Damit diese unzumutbare Wartezeit überhaupt geschluckt wird, hat man eine Countdown-Ampel installiert – worüber ich hier im Blog bereits berichtet habe.
Dauerrot am Westentor: Eine Ampel zum Verzweifeln

Doch es geht noch besser: Nun wurde nach langer Bauzeit das neu gestaltete Westentor samt Bushaltestellen eröffnet. Als ich am Dienstag von der Hafenstraße Richtung Südring unterwegs war, stand ich vor einer roten Fahrradampel – und wartete. Und wartete.
- Die Fußgänger bekamen Grün – die Fahrradampel blieb Rot.
- Die Fußgänger bekamen wieder Rot – die Fahrradampel blieb weiter Rot.
- Die Fußgänger bekamen zum zweiten Mal Grün, und erst mit deutlicher Verzögerung schaltete schließlich auch die Fahrradampel auf Grün. Gefühlt eine Ewigkeit.
Grün für Fußgänger, Rot fürs Rad: Eine Logik, die an der Realität scheitert
Das wollte ich genauer wissen und habe mir die Ampelschaltung heute noch einmal detailliert angesehen. Das Ergebnis: Die Rotphasen für Radfahrende haben keine feste Länge, sondern sind variabel. Im Normalfall dauert die Rotphase ca. 44 Sekunden – und ist damit bereits spürbar länger als für den Fußverkehr. Die Fußgängerampel schaltet nämlich auch dann auf Grün, wenn Fußgänger den Westring queren dürfen. Die Fahrradampel hingegen bleibt dann auf Rot.

Die Konsequenz liegt auf der Hand: Die rote Fahrradampel wird schlicht ignoriert oder gar nicht erst wahrgenommen. Ich konnte eine ganze Reihe von Radfahrenden beobachten, die bei grüner Fußgängerampel über die rote Fahrradampel fuhren. Und ehrlich gesagt: Warum sollte man auch warten, wenn der Fußverkehr direkt daneben Grün hat? Man kann die theoretische Überlegung der Verkehrsplaner erahnen – in der Praxis scheitert sie jedoch krachend an der Realität.
Bis zu 92 Sekunden Wartezeit: Bussen den Vortritt, Radlern das Nachsehen

Es kommt aber noch dreister: Die 44 Sekunden Rot sind nämlich nur der Bestfall. Erkennt die Schaltung, dass ein Bus aus dem Westentor in den Westring abbiegen möchte, fällt die Grünphase für den Radverkehr kurzerhand komplett aus! Die Rotphase verlängert sich dadurch drastisch.
Bei meinen Messungen kam ich auf Rotzeiten zwischen 75 und unfassbaren 92 Sekunden. Eineinhalb Minuten Dauerrot an einer angeblichen Hauptroute! Das ist das exakte Gegenteil von Fahrradfreundlichkeit und für eine Radhauptroute völlig inakzeptabel.
Haltestelle Westring: Slalom durch die Menschenmassen
Als wäre die Ampel nicht schon Bremse genug, offenbart der Knotenpunkt ein weiteres verkehrsplanerisches Problem: Direkt am Westring in Fahrtrichtung Norden befindet sich eine Bushaltestelle. Steigen hier Fahrgäste aus, fluten sie augenblicklich den gesamten kombinierten Geh- und Radweg. Radfahrende müssen zwangsläufig abbremsen und stoppen.
An der Bushaltestelle wird dem Radverkehr also maximale Rücksichtnahme abverlangt – doch direkt im Anschluss versucht man absurderweise, Fuß- und Radverkehr per Ampel voneinander zu trennen. Das geht völlig schief: Denn auf dem Boden fehlen schlicht getrennte Aufstellbereiche für Fußgänger und Radfahrende. Das bizarre Ergebnis: Selbst wenn Radfahrende endlich Grün bekommen, müssen sie slalommäßig auf querende Fußgänger achten.
Wenn Fußgänger und Radfahrende im gesamten Westentor-Bereich ohnehin permanent aufeinander Rücksicht nehmen müssen: Welcher Radfahrer versteht dann bitte noch, warum er an einer roten Fahrradampel warten soll, während die Fußgängerampel direkt daneben Grün zeigt?
Millionensanierung ohne Verstand? Warum fahren die Busse einfach durch?

Den Krönungspunkt bildet jedoch die Schaltungs- und Haltestellenlogik der Busse: An der engen Haltestelle Westring stoppen zahlreiche Linien und ergießen ihre Fahrgäste auf den Geh- und Radweg. Anschließend fahren einige Linien (wie die 4 und die 7) durch die neu ausgebaute Haltestelle Westentor einfach durch, ohne anzuhalten!
Warum halten diese Linien nicht direkt am Westentor? Das würde den Engpass am Westring entlasten und das Konfliktpotenzial zwischen Aussteigenden und Radfahrenden drastisch reduzieren. Mir erschließt sich diese Logik beim besten Willen nicht mehr: Da wird das Westentor für viel Geld saniert und als zentrale Bushaltestelle ausgebaut – und am Ende fahren die Busse durch, während Radfahrende vor der verwaisten Haltestelle Minuten im Dauerrot verharren.
Das Problem ist, dass die Planer in Hamm zwar schöne geförderte Radwege bauen können, aber für die Gestaltung von fahrradfreundliche Kontenpunkten keinen Plan haben. Letztendlich hat dort der motorisierte Verkehr immer Vorrang.
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